h1

„Vom Jobcenter brauchen wir Jobs“ Soziales – Initiative bezweifelt den Sinn eines Motivationsseminars für Langzeitarbeitslose

30. August 2014

Darmstädter Echo vom 30.08.2014:

Artikel zur GALIDA-Aktion vor der Agentur für Arbeit Darmstadt

Mit einer Reihe von Maßnahmen versucht das Jobcenter Darmstadt, ältere Langzeitarbeitslose auf dem Arbeitsmarkt zu vermitteln. Ein derzeit angebotenes Motivationsseminar sorgt für Kritik. Eine Initiative hat gegen das Angebot demonstriert.

„Das hilft uns für die Arbeitsplatzsuche gar nicht.“ „Das geht an der Realität vorbei.“ „Das ist rausgeschmissenes Geld.“ Es sind harsche Urteile, die mancher Langzeitarbeitslose über das aktuell angebotene Seminar des Jobcenters fällt. „In Arbeit gehen“ – lautet der Titel. Ein Motivationsseminar. Für die gewerkschaftliche Arbeitsloseninitiative Galida ist es ein fehlgeleitetes Angebot, gegen das sie am Freitag vor der Agentur für Arbeit demonstriert hat. Aus der Sicht von Jobcenter-Geschäftsführer Andreas Heun ist die Maßnahmen ein sinnvolles Instrument, um Menschen zu helfen, einen Arbeitsplatz zu finden.

Organisiert hat dieses Seminar das Team „Jobs für Best Agers“, das sich im Jobcenter speziell um Langzeitarbeitslose kümmert, die älter als 50 Jahre sind. Eigenverantwortung, Potenzialanalyse, Zielfindung und Bewerbungstraining sind die Themen, die fünf Wochen lang jeweils an drei Tagen vermittelt werden sollen. Die 15 Teilnehmer sollen „sich wieder ihrer selbst bewusst werden, Ziele setzen, in die Eigenverantwortung zurückkehren und eine Arbeit finden“. So steht es im Konzeptpapier der Anbietergesellschaft aus Berlin.

„Wenn ich gesagt bekomme, ich soll jeden Tag freudig begrüßen, hilft mir das wenig. Ich bin seit Jahren arbeitslos“, sagt ein Teilnehmer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Es werde suggeriert, dass nur die richtige Einstellung da sein müsse, um eine Stelle zu finden. „So ist es aber nicht“, sagt der Mann, der schon Hunderte Bewerbungen verschickt hat.

Der „Tschaka-Kurs“ sei gesellschaftspolitisch das falsche Signal, sagt Frank Gerfelder-Jung von Galida: „Es wird versucht, das gesellschaftliche und strukturelle Problem der Erwerbslosigkeit älterer Arbeitsloser in ein individuelles umzudeuten. Dass es nur an einem selbst liegt, wenn man keinen Job findet.“

Diese Kritik an dem rund 13 500 Euro teuren Angebot weist Jobcenter-Chef Heun zurück. Für manche Langzeitarbeitslose seien motivierende und strukturierende Maßnahmen wichtig, um den Einstieg schaffen zu können. Heun verweist zudem auf Erfahrungen in anderen Städten. „Zudem ist das Angebot zertifiziert“, sagt er. Auch sei es nur eine von vielen Maßnahmen des Best-Ager-Teams. Während und im Anschluss an das Seminar werde zudem überprüft, wie effinzient die Maßnahme gewesen ist.

Best-Ager-Etat von 1,4 Millionen EuroDiese Abteilung des Jobcenters hat einen Etat von rund 1,4 Millionen Euro, rund 800 000 Euro sind Personalkosten. Vom Rest werden Maßnahmen für die rund 1900 älteren Langzeitarbeitslosen finanziert. Im vergangenen Jahr sind nach Angaben Heuns rund 270 von ihnen vermittelt worden.

Das ändert nichts daran, dass manche Maßnahme in der Kritik steht. Nicht nur das Motivationstraining. Auch ein Sport- und ein Chorprogramm ist aus Sicht von Galida wenig hilfreich: „Die Arbeitslosen bleiben dabei unter sich“, bemängelt Helmut Angelbeck. Das Geld wäre sinnvoller angelegt, wenn Arbeitslose dafür Fahrräder für den Weg zur Arbeit bekämen oder eine neue Brille.

Solche Angebote seien auch schon jetzt möglich, erklärt Andreas Heun vom Jobcenter. Die kritisierten Angebote hält er aber für durchaus sinnvoll: „Die Menschen können so etwas in der Gemeinschaft machen.“ Ein Teilnehmer aus dem Motivationsseminar sieht die Aufgabe aber anders: „Vom Jobcenter brauchen wir Jobs.“

One comment

  1. Beim Jobcenter gibt’s Jobs …
    … und Zitronenfalter falten Zitronen, KLAR !

    Zugegeben, manche Arbeitgeber melden ihre offenen Stellen dorthin, aber (das sage ich als Ex-Selbständiger) unter Arbeitgebern grassiert die Ansicht „Was Du vom Arbeitsamt geschickt bekommst, kannst Du Vergessen“ (von ARGEn und Jobcentern sowieso, die haben nur noch die „Looser“, Faulen, Unterqualifizierten, …)

    Ausnahmen?
    NA KLAR:
    So wie unlängst von GALIDA angeprangert, Unternehmen, die sich Bewerber direkt „im Rudel“ unter Bewachung Ihres „Wärters“ vorführen lassen und mit Verstößen gegen Gesetzliche Bestimmungen auffallen.
    Oder Zeitarbeits-Skandalisten.
    Und beide wissen, dass die Vorgeführten mit massivsten Sanktionen zu rechnen haben bei Ablehung des Jobs. Und kalkulieren damit. Von verschiedenen Zeitarbeits-Mafiösen sind Erpressungsversuche glaubhaft berichtet, wenn die „Kunden“ (Jobcenter-Euphemismus) nicht sofort willig unterschreiben bei miesesten Bedingungen.

    Weil das ganze Zwangssystem des HarztIV (SGB II) aus psychologischer Sicht zutiefst krank ist. Menschen sind keine Metallplättchen, die aus großen Platten nur kurz ausgestanzt werden müssen. Und -allzu oft- moralfreie Schinder, die die Zwangslage anderer schamlos ausnutzen, z.B. in der Funktion als „Arbeit“-„Geber.“ DANKE ROT-GRÜN, nochmal nachträglich …

    Und Herr Heun darf sich fragen lassen, ob seine Rechtfertigung der sinnfreien, Geld verschwendenden Maßnahme konsistent ist hinsichtlich seiner Aussagen vor einigen Wochen bei der Arbeitsloseninitiative KOMPASS in Darmstadt (jeden 2. und 4. Montag im Monat). Da hatt er einen ausgesprochen guten Eindruck hinterlassen, war durch Realismus, Augenmaß und positive Gesinnung aufgefallen in Gestalt seiner verbalen Äußerungen.

    In diesem Sinne:
    WEITER SO, GALIDA !!!



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: