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„Team Wallraff“: Langzeitsarbeitslose werden aussortiert

17. März 2015

„Team Wallraff“ deckt auf: Undercover im Jobcenter

Neuer Einsatz für „Team Wallraff“. Knapp zehn Jahre gibt es in Deutschland
Hartz IV. Umstritten ist es seit seiner Einführung. Neun Monate hat „Team
Wallraff“ recherchiert. Als Praktikant ließ sich Reporter Torsten Misler
undercover einschleußen. Dabei erlebt er Schockierendes. „Es geht ja darum,
dass irgendwelche Zahlen stimmen und Menschen bleiben dabei oftmals auf der
Strecke“, verrät ihm eine Arbeitsvermittlerin über das Jobcenter. „Also, da
wird nur Arbeitslosigkeit verwaltet“, erzählt eine andere. Gemeinsam mit den
Arbeitssuchenden sollen die Vermittler den Menschen eine neue Perspektive
geben. Zu viele „Kunden“ und zu wenig Arbeitskräfte. Pro Mitarbeiter kommen
fast 420 Kunden. Doch die offizielle Statistik wird von der Bundesagentur
für Arbeit geschönt. Viele Menschen zählen bei den Berechnungen nicht mit.

Langzeitarbeitslose werden aussortiert

Hilfe durch das Jobcenter, die eigentlich keine ist. „Man hat ungefähr ein
Drittel der Kunden, für die man etwas machen kann“, erzählt ein Mitarbeiter
des Jobcenters. Schwierige Fälle werden behördenintern ausgesondert und als
Schrankfälle abgelegt. Denn 50 Prozent der Langzeitarbeitslosen sind dauerhaft auf die Hilfe vom Amt angewiesen. Die meisten Jobcenter-Angestellten sind frustriert und dies lassen sie an den Hartz IV-Empfängern aus.

Sinnfreie Maßnahmen!

In einem fünfwöchigen Motivationskurs für Langzeitarbeitslose sollen den Hartz IV-Empfängern neue Perspektiven gezeigt werden. Vom Forscher bis zum Astronaut ist alles möglich. Doch für viele Teilnehmer sind diese Kurse verschwendete Lebenszeit. Die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen reichen von Ausflügen mit Lamas bis hin zum Stuhlballett. „Das ist wie eine fahrlässige Körperverletzung, die man an den Teilnehmern begeht“, erklärt Arbeitsmarkt-Experte Prof. Stefan Sell. Und auch die Statistiken haben ein niederschmetterndes Ergebnis für die Maßnahmen. Nur ein Teilnehmer pro Maßnahme hat am Ende vielleicht einen Job. Bewerbungstraining, Excel-Kurse und auch Motivationstrainings bringen nichts. Doch die Maßnahmen müssen durchgeführt werden, um die Vorgaben der Vorgesetzten zu erfüllen.

Lamatour als Maßnahme für Arbeitslose

Eine geführte Lama-Tour für Arbeitslose in Süddeutschland klingt zunächst
wie ein schlechter Scherz, doch diese Maßnahme ist pure Realität. Den Sinn
des Ausflugs für die arbeitspolitische Zukunft der Teilnehmer auf Kosten der
Steuerzahler ist unklar. Hauptsache die Arbeitslosen, die eine solche
Maßnahme durchführen, fallen aus der offiziellen Statistik raus. Auch wer
krank ist, sei nicht arbeitslos. 1,17 Millionen Menschen, die ohne Arbeit
waren, tauchten in der Statistik im Oktober 2014 nicht auf. Gründe waren
Weiterbildungen, Krankschreibungen sowie besondere Regelungen für Ältere.
Prof. Sell fordert, sinnlose Maßnahmen zu streichen. Doch Heinrich Alt von
der Bundesagentur für Arbeit sieht hierbei keine Notwendigkeit. Die
Maßnahmen seien seiner Meinung nach sinnvoll und helfen den Menschen, eine
Arbeit zu finden.

Sechs Arbeitslose soll ein Mitarbeiter des Jobcenters pro Monat in einen Job
vermitteln. Werden die Vorgaben verfehlt, droht Ärger. Doch keiner
profitiert von diesen Quoten. Für die Jobcenter-Mitarbeiter sorgen diese nur
für Druck und Stress. Jeder fünfte Mitarbeiter hat nur einen befristeten
Arbeitsvertrag.

Überarbeitete Jobcenter, Existenzangst bei Arbeitslosen
Doch nicht nur die Mitarbeiter in den Jobcentern sind unzufrieden, auch die
Menschen die Hilfe erhoffen. Drohungen und Gewalt sind an der Tagesordnung.
„Ich habe erlebt, dass Mitarbeiter Briefe ungeöffnet in den Papierkorb
geworfen haben“, berichtet die ehemalige Jobcenter-Angestellte Inge
Hannemann. Anträge werden oft nicht schnellstmöglich bearbeitet und liegen
mehrere Monate unbearbeitet auf den Schreibtischen. Arbeitssuchende geraten
so in extreme Existenznot. Der Personalmangel führt dazu, dass das
notwendige Pensum nicht erreicht wird. Aktenvernichtung ist laut „Team
Wallraff“ an der Tagesordnung.

Ein handfester Skandal! Der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit will davon
nichts wissen und weist die Vorwürfe zurück. Doch die Recherchen von
Enthüllungsjournalist Günter Wallraff und seinem Reporterkollegen belegen,
dass die Mitarbeiter wegen akuten Personalmangels und einem hohen
Krankenstand oftmals hoffnungslos überfordert sind. Aus meiner Sicht sind
Jobcenter heute immer noch Geldverbrennungsmaschinen mit einer völlig
desolaten Personalstruktur“, berichtet ein Mitarbeiter. Das ist
menschenverachtend und kann so nicht weitergehen“, fordert Günter Wallraff.
„Was wir bei unseren Recherchen aufgedeckt haben, sind keineswegs
Einzelfälle“, sagt er. Mit Steuergeldern würden „absurde und entwürdigende
Maßnahmen durchgeführt, Statistiken geschönt und Mängel verwaltet.“ Die
Politik sei gefragt.

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